Christen werden zusehends durch den Staat bedrängt

Zwar haben die Übergriffe von buddhistischen Mobs auf vorwiegend evangelische Christen in Sri Lanka in den letzten Jahren abgenommen. Gleichwohl leiden sie unter der zunehmenden staatlichen Repression, wie Anwältin und CSI-Partnerin Esther im Interview erklärt.

In Sri Lanka wird die Religionsfreiheit zunehmend durch den Staat eingeschränkt. csi

CSI: Wie hat sich die Situation für Christen in Sri Lanka in den letzten Jahren entwickelt?

Esther (Name geändert): 2020 haben wir 50 Vorfälle von Christenverfolgung registriert, von denen sich 32 in den ersten acht Monaten zutrugen. Im Vergleich dazu wurden in den ersten acht Monaten dieses Jahres 62 solcher Vorfälle rapportiert. Dieser Anstieg ist jedoch grösstenteils auf die Corona-Pandemie zurückzuführen. Vor allem in der ersten Hälfte von 2020 fanden keine Gottesdienste statt und die Bewegungsfreiheit war eingeschränkt. So gesehen blieb die Lage für die Christen in den letzten sechs Jahren mit durchschnittlich 85 gemeldeten Vorfällen unverändert.

Täuscht der Eindruck, dass es gegenwärtig zu weniger gewalttätigen Übergriffen auf Christen kommt?

Tatsächlich hat sich die Art der Christenverfolgung in Sri Lanka seit 2015 verändert. Davor waren physische Gewalt und Angriffe auf Kirchen an der Tagesordnung, wobei buddhistisch-extremistische Gruppen ungestraft agierten.

Seit 2015 werden die Christen systematisch von staatlicher Seite bedrängt. Es werden diskriminierende Vorschriften angewendet. Aus­serdem handeln Polizisten häufig voreingenommen, wenn Christen von Anwohnern eingeschüchtert werden. Christen werden beispielsweise des Landfriedensbruchs oder der Ausübung «nicht genehmigter» religiöser Handlungen beschuldigt. Selbst in Fällen, in denen sich die Strafverfolgungsbehörden der ungerechten Behandlung von Christen bewusst sind, stellen sie sich auf die Seite der Täter, um «den Frieden zu wahren».

Ein weiterer neuer Trend sind willkürliche Verhöre und Überwachung. Beamte befragen Pastoren über ihre Gemeindemitglieder oder auch religiöse Praktiken. Auch möchten sie wissen, ob die Kirche beim Staat registriert ist. Dies, obwohl es diesbezüglich keine gesetzliche Verpflichtung gibt.

Wer sind die Treiber der Christenverfolgung in Sri Lanka?

Die Hauptverantwortlichen für religiöse Gewalt gegen Christen sind derzeit Anwohner, andere religiöse Führer (einschliesslich buddhistischer Mönche) sowie Beamte. Unseren Daten zufolge wurden 63 Prozent aller verzeichneten Vorfälle von 2020 und 2021 durch Staats- und Regierungsbeamte verübt. Gleichzeitig haben vor allem buddhistische Extremistengruppen Angriffe gegen Muslime verübt.

Die Radikalisierung muslimischer Jugendlicher gibt in Sri Lanka Anlass zu ernster Besorgnis, insbesondere angesichts der ständigen Verfolgung ihrer Gemeinschaft. Seit den Anschlägen vom Ostersonntag 2019 gab es jedoch keine dokumentierten Übergriffe von Muslimen auf Christen.

Ausserdem: Obwohl es keine unabhängige Untersuchung der Oster-Anschläge gab, haben viele Personen, darunter Mitglieder der politischen Opposition, der Erzbischof der katholischen Kirche und ein parlamentarischer Sonderausschuss angedeutet, dass die Attentate möglicherweise Teil einer grösseren politischen Verschwörung waren. Es lagen genügend Beweise vor, um die Anschläge zu verhindern, aber die Behörden haben nicht gehandelt.

In welchen Punkten gibt es noch Grund zur Besorgnis?

Eine neue Schikane ist die verstärkte staatliche Überwachung von Gotteshäusern. Dieser Trend wurde nach den Osteranschlägen 2019 beobachtet und hat sich seit der Pandemie weiter verstärkt. Die fehlende Registrierung wie auch die COVID-Richtlinien werden dabei als Vorwand benutzt, um Kirchen zu schliessen, obschon sie die Richtlinien einhalten.

Im Februar 2021 löste ausserdem eine Diskussion über prominente Persönlichkeiten, die zum Christentum konvertiert waren, in den Mainstream- und sozialen Medien eine Hetzkampagne gegen die evangelische Kirche in Sri Lanka aus. Religiöse Verantwortungsträger einer buddhistischen Siyam-Sekte forderten darauf die Regierung auf, die Aktivitäten zu untersuchen und Gesetze gegen Konversionen einzuführen. Daraufhin erklärte der Sekretär des Ministeriums für Buddha Sasana und religiöse und kulturelle Angelegenheiten in einem Zeitungsinterview, dass das Ministerium ein Gesetz entwerfen werde, um das Problem der «unethischen Bekehrungen» zu lösen. 

In den nördlichen und östlichen Provinzen Sri Lankas hat ferner der Hindu-Extremismus regen Zulauf erhalten. Im Distrikt Batticaloa wurden für den Zeitraum 2019 / 2020 die meisten Vorfälle gemeldet. Radikale Hindu-Gruppen wie die Siva Senai setzen sich in erster Linie bei der Regierung für die Verabschiedung von Anti-Konversionsgesetzen und ein Verbot von Rinderschlachtungen ein. Hier haben sowohl hinduistische als auch buddhistische Extremisten eine gemeinsame Basis gefunden, zum Nachteil von Christen und muslimischen Gemeinschaften.

Interview: Reto Baliarda

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Bei der Ermutigungsaktion für CSI-Partnerin Esther in Sri Lanka kamen über 650 Karten zusammen, die von Spendern unterschrieben und an die CSI-Geschäftsstelle in Binz zur Weiterleitung an Esther verschickt wurden. Herzlichen Dank für Ihre treue Anteilnahme.
In Sri Lanka wird die Religionsfreiheit zunehmend durch den Staat eingeschränkt. csi
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