Christenfreie Dörfer

Seit der Unabhängigkeit von England 1947 hat Indien noch nie so viele Übergriffe auf Christen verzeichnet wie im Jahr 2021. Mit mindestens 506 gemeldeten Angriffen war es der Höchstwert seit 75 Jahren – die Dunkelziffer ist um ein Vielfaches höher.

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Am Samstag, 6. November 2021, griff ein Mob von 50 radikalen Hindu-Nationalisten 14 christliche Häuser im Staat Chhattisgarh an. Sie gingen von Haus zu Haus und attackierten Christen, um den betreffenden Ort in ein «christenfreies Dorf» zu verwandeln.

Sie schlugen brutal auf die Menschen ein, darunter auch Frauen und Kinder. Dabei trugen neun Personen schwere Verletzungen davon mit Knochenbrüchen, verrenkten Gelenken und Kopfverletzungen. «In dem Dorf gibt es einen heftigen Widerstand gegen Menschen, die das Christentum praktizieren», erklärt Pastor Digal (Name geändert). «Diese Christen wurden in der Vergangenheit schon mehrmals bedroht.»

Letztes Jahr seien bereits drei Familien aus dem Dorf geflohen, nachdem sie von Hindu-Extremisten angegriffen worden waren. Sie kamen nie wieder zurück.

Alarmierender Anstieg von Übergriffen

«Wenn der indische Staat die Religionsfreiheit, die in der indischen Verfassung verankert ist, gewährleisten will, muss er rigoroser gegen die Täter und politischen Verantwortlichen vorgehen», so ein CSI-Partner in Indien. «Berichte über gewaltsame Versuche, Dörfer ‹christenfrei› zu machen, häufen sich und sind ein Armutszeugnis für ein demokratisches Land wie Indien. Wir sind über den Anstieg der Angriffe auf religiöse Minderheiten, insbesondere Christen, sehr besorgt.»

Leider seien die Angriffe nur ein Symptom für ein grösseres Problem in Indien. Religiöse Intoleranz und Gewalt sind so normal geworden, dass er täglich Berichte über zum Teil schwerwiegende Vorfälle erhalte.

Opfer wird zum Täter gemacht

Pastor Kumar (Name geändert), Leiter einer Gemeinde im Staat Tamil Nadu, wurde am 28. November 2021 von sieben Hindu-Extremisten zu Hause aufgesucht. Sie befahlen ihm, mit den Gottesdiensten und Gebeten aufzuhören, schlugen ihn brutal zusammen und schleppten ihn in diesem Zustand zur Polizeistation. Dort erstatteten sie Anzeige gegen ihn und machten ihn somit zum Täter. Zusätzlich zwangen sie ihn gemeinsam mit der Polizei, eine Aussage zu unterschreiben, in der er die Beendigung seiner Gottesdienste und Fürbittgebete bestätigte.

Bevor die Angreifer die Wache verliessen, zerrissen sie die Bibel des Pastors, zerstörten sein Handy und drohten, ihn umzubringen, sollte er das Redeverbot nicht einhalten. Schwer verletzt wurde Pastor Kumar vom CSI-Team vor Ort in ein Spital gebracht, wo er fünf Tage verbrachte.

Unermüdlicher Einsatz der CSI-Partner

CSI unterstützte Pastor Kumar mit den Spital- und Medizinkosten, eine Hilfe, die für ihn lebensrettend war. Da Pastor Kumar weiterhin an den Folgen des Übergriffs leidet und kaum arbeiten kann, hilft CSI seiner Frau beim Erlernen des Nähens von Kleidern, um diese auf dem Markt zu verkaufen. Dies ermöglicht der Familie, zumindest ein kleines regelmässiges Einkommen zu erhalten.

Pastor Kumar ist einer von unzähligen Christen, die in den letzten 10 Jahren von CSI-Partnern Hilfe erhalten haben. In 13 indischen Staaten stehen Teammitglieder unermüdlich im Einsatz, um die verfolgten Christen sowohl auf juristischer Ebene als auch mit medizinischer, psychologischer und nachhaltiger finanzieller Hilfe zu unterstützen.

Viele unschuldige Inhaftierte, die wegen ihres Glaubens zum Teil monate- oder gar jahrelang in Gefängnissen eingesperrt waren, kamen dank ihres Engagements frei. Zusätzlich ist eine Notfallnummer Tag und Nacht in Betrieb, die für Menschen in Not zum Teil lebensrettende Hilfe bedeutet.

CSI ist dankbar, mit diesen Partnern in Indien notleidenden Menschen neue Lebenskraft zu schenken.

Bewilligungen entzogen

In Indien muss jede Nichtregierungsorganisation (NGO), die für ihre Aktivitäten in Indien Gelder aus dem Ausland erhält, die Genehmigung von Seiten der Regierung erhalten. Die Akkreditierung erfolgt mittels einer sogenannten FCRA-Nummer. In den letzten Jahren wurde bereits hunderten von zum Teil bekannten Organisationen, darunter auch Compassion und Amnesty International, diese FCRA-Nummer entzogen – und damit auch die Möglichkeit, ihre sozialen Werke fortzuführen.

Dass dabei zum Beispiel 150’000 Kinder pro Tag, die dank Compassion bis dahin in geschützten Einrichtungen lebten und täglich zu essen bekamen, jetzt völlig verwahrlost auf der Strasse leben müssen, scheint die indische Regierung nicht zu kümmern. Nun hat die Regierung angekündigt, dass bis Ende März 2022 nochmals alle NGOs überprüft werden, um über die Erneuerung ihrer Akkreditierung zu entscheiden.

Was der Entzug von Akkreditierungen für tiefgreifende Konsequenzen für hunderttausende notleidende Menschen und auch für tausende Mitarbeitende der betroffenen NGOs haben könnte, kann man sich kaum vorstellen. Vor allem nach den Konsequenzen der Corona-Pandemie, die Indien stark getroffen hat, ist die indische Bevölkerung umso dringender auf die Hilfe von NGOs angewiesen.

Sowohl nationale wie auch internationale Menschenrechtsorganisationen fordern Premierminister Narendra Modi auf, der sich auf internationaler Ebene für Demokratie in der Welt stark macht, sich für die Grundversorgung und die Grundrechte seines Volkes einzusetzen.

Projektleiterin Indien

 

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Die Übergriffe auf indische Christen haben in erschreckendem Masse zugenommen. csi
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