Kampf gegen die Zwangsverheiratung und -islamisierung von jungen Mädchen

Jährlich werden in Pakistan junge Mädchen von religiösen Minderheiten Opfer von Entführung, Zwangsislamisierung – und Heirat. Alleine dieses Jahr wurden über 160 Fälle registriert. Die Dunkelziffer ist jedoch um ein Vielfaches höher. Die Beispiele von Sadaf Khan und Rabia Anwar zeigen, welch schlimme Folgen die Verschleppung junger christlicher Mädchen haben. CSI-Partner Anjum Paul setzt sich für sie ein.

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Zwangsislamisierung erfolgt normalerweise zunächst durch Entführung, sexuelle Gewalt und Erpressung. Gesetzlich ist das heiratsfähige Alter für Mädchen auf 16 Jahre festgelegt. Leider halten sich die Behörden resp. Gerichte selten daran und werden deshalb bei diesen Verbrechen zu Komplizen.

Entscheid zu Gunsten des Peinigers

So verhielt es sich auch im Fall von Sadaf Khan. Das christliche Mädchen wurde im Alter von 14 Jahren am 6. Februar 2019 von einem entfernten Nachbarn, Mubashir Abbas, entführt und noch am selben Tag zwangskonvertiert und verheiratet. Mit Hilfe von CSI konnten sich die Eltern von Sadaf Khan einen Anwalt leisten. Am 5. Juni 2020 wurde der Fall vor Gericht gebracht. Das Mädchen erschien vollverschleiert, ihre ganze Körperhaltung spiegelte Not und Sorge aus.

Vor Gericht waren auch ihr «Ehemann», der sie entführt hatte, sowie ein ganzer Mob, der vor dem Gebäude wartete. Sadaf Khan musste vor Gericht aussagen. Dabei meinte sie, dass sie glücklich und aus freiem Willen mit Mubashar Abbas verheiratet sei. Der Richter Mushtaq Ahmad wollte das Gesicht des Mädchens nicht einmal sehen, ihm genügte die Eheurkunde, auf der das Alter des Mädchens mit 18 Jahren eingetragen ist. So entschied der Richter leichtfertig zugunsten des Peinigers.

Sadaf Khan lebt weiterhin in Gefangenschaft. CSI-Projektpartner Anjum Paul gibt jedoch nicht auf, er führte den Fall weiter zum Vormundschaftsgericht. Die Anhörung steht noch aus.

Rabias verhängnisvoller Tag

Anders erging es Rabia Anwar aus Lal Sohanra im Süden der pakistanischen Provinz Punjab. Sie ist die jüngste von drei Geschwistern, ihr Vater ist ein einfacher Bauarbeiter, die Mutter Hausfrau. Die Eltern taten alles, um ihrer jüngsten Tochter nach zehn obligatorischen Schuljahren den Besuch des Colleges zu ermöglichen. So startete die heute 19-jährige Rabia vor viereinhalb Jahren ihre Ausbildung im College. Jeden Tag fuhr sie mit dem Schulbus eine halbe Stunde in die 34 Kilometer entfernte Stadt Bahawalpur.

Am Morgen des 31. März 2016 verabschiedete sich Rabia von ihren Eltern wie immer, nicht ahnend, dass sie sie für die nächsten vier Jahre nicht mehr sehen würde. Der Schulbus fuhr an diesem verhängnisvollen Tag nicht. Deshalb wurde Rabia von Rehman Ali, dem Bruder ihrer besten Freundin Myza, auf dem Motorrad zum College gebracht.

Bevor Rehman sie auf dem Rückweg zu Hause ablud, ging Rabia für ein Glas Wasser in sein Haus, das schliesslich auch das Zuhause ihrer Freundin Myza ist. In diesem Moment ahnte sie nicht im Entferntesten, dass dies der Schritt in eine fast vier jährige Gefangenschaft war. Rehman Ali schlich Rabia nach, sperrte sie ein und zwang sie, ihn zu heiraten und zum Islam zu konvertieren. Würde sie widersprechen, wurde ihr gedroht, dass sie sowie ihr Vater und Bruder umgebracht würden. Rabia hatte keine andere Wahl, als sich dem grauenvollen Schicksal zu fügen.

Untätige Polizei

Auf der Hochzeitsurkunde wird Rabias Alter mit 17 Jahren angegeben. Niemand wollte eine Geburtsurkunde sehen. Der Richter auf dem Standesamt fragte Rabia, ob sie aus freiem Willen den Islam angenommen und geheiratet habe. Unter grossem Druck bejahte sie beides. Die von Rabia unterschriebenen Dokumente wurden an ihre Eltern geschickt. Wehrlos und verzweifelt mussten sie hinnehmen, welch fürchterliches Unheil ihrer Tochter widerfahren war. Von der Polizei konnten sie keine Hilfe erwarten. Im Gegenteil: Sie meinte nur, es sei eine gute Sache, dass das Mädchen den Islam angenommen habe. Die Polizei selbst werde bestimmt nichts dagegen unternehmen.

Jahre des Schreckens

Für Rabia folgten vier schreckliche Jahre. Von morgens früh bis abends spät musste sie das Haus putzen und für die Familie waschen und kochen. Immer wieder wurde sie von ihrem Peiniger sexuell missbraucht. Aus dem Haus durfte Rabia nie. Ein Fluchtversuch war ausgeschlossen. Denn sie wurde rund um die Uhr bewacht. Wagte das gequälte Mädchen zu fragen, ob es mit ihren Eltern telefonieren dürfe, wurde es geschlagen.

Bezüglich ihres christlichen Glaubens bemerkt Rabia: «Ich wurde zum Islam gezwungen und verrichtete die Gebete. Doch im Herzen war und blieb ich Christin. Jeden Abend betete ich für meine Eltern, dass Gott sie beschützen und ihnen die nötige Kraft geben möge. Auch bat ich Gott um die Kraft, diese Hölle durchzustehen, um eines Tages mit meiner Familie wiedervereint zu werden».

Frei dank Nachlässigkeit

Am 7. Juni 2020 geschah etwas Unerwartetes. Es war während des Fastenmonats Ramadan, als Rehmans Familienmitglieder am Morgen lange ausschliefen und vergassen, das Zimmer zu verriegeln, in dem sich Rabia befand. Mit Herzklopfen nahm sie all ihren Mut zusammen und schlich sich aus dem Haus. Noch heute weint die Mutter, wenn sie vom ersten Wiedersehen mit ihrer jahrelang verschwundenen Tochter erzählt. Die Freude war unbeschreiblich.

Doch schnell musste für Rabia eine Lösung gefunden werden, um vor den Peinigern geschützt zu sein. Denn zu Hause zu bleiben war zu gefährlich für sie. Rehman hätte sie jederzeit zurückholen können. Kaum auszumalen, was dann mit Rabia geschehen wäre.

Dank der Hilfe von CSI-Projektpartner Anjum Paul lebt Rabia heute mit ihrer Mutter an einem sicheren Ort in Bahawalpur. Auch konnte die Hochzeit mit Hilfe eines Anwalts aufgelöst und die Religion auf Rabias Geburtsurkunde rückgängig gemacht werden.

Rabia hat nun eine Privatlehrerin, die ihr hilft, dort weiterzufahren, wo sie schulisch vor vier Jahren stehen geblieben war. Ihr Wunsch ist es, Lehrerin zu werden. Rabia ist eine starke, junge Frau. Sie ist dankbar für die Hilfe, die sie erhalten hat: «CSI ist für mich ein Strahl der Hoffnung geworden. Ich schaue nun vorwärts. Gott ist mit mir.»

Lobby-Arbeit für eine Gesetzesänderung

CSI-Projektpartner Anjum Paul arbeitet mit Hilfe von CSI zusammen mit verschiedenen Interessengemeinschaften an einer Gesetzesänderung, die das heiratsfähige Alter von Mädchen in Pakistan von 16 auf 18 Jahre erhöht. Dies soll gefährdeten Mädchen mehr Schutz und Recht bieten. 

Projektmanagerin für Pakistan

Video über die Zwangsheirat in Pakistan 

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