In Zentralnigeria werden Christen jeden Tag angegriffen

«Ja, Rachels Mann wurde vor vier Tagen ermordet», betont der Übersetzer und löst damit bei Joel Veldkamp Entsetzen aus. Der CSI-Mitarbeiter reiste kürzlich nach Zentralnigeria, dem gegenwärtigen Hotspot der Christenbedrängnis mit Todesfolgen. Die zahlreichen Begegnungen mit Überlebenden von islamistischen Angriffen waren niederschmetternd und eindrücklich zugleich. Er berichtet:

In Kurmin Masara, das seit Neujahr zweimal angegriffen wurde, versammeln sich Christen zum Gottesdienst und zum Gebet. csi

Zusammen mit Baroness Caroline Cox, Mitglied des britischen Oberhauses, und anderen Menschenrechtsaktivisten war ich auf einer einwöchigen Reise in Zentralnigeria. Besonders nahe gingen mir die Gespräche mit bedrohten Christen. Ich musste realisieren, wie allgegenwärtig die tödlichen Überfälle von Fulani-Islamisten auf Christen in Zentralnigeria sind.

Vier Tage nach dem Mord

So sass ich am 3. März 2022 in der zentralnigerianischen Stadt Jos an einem Tisch mit Rachel (Name geändert), einer Mutter von vier kleinen Kindern. Ihr Ehemann war bei einem Angriff von muslimischen Fulani-Milizionären getötet worden. Mit Hilfe eines Übersetzers erzählte sie mir ihre Geschichte.

«Am 27. Februar wurde mein Dorf angegriffen», begann sie.

Erschrocken unterbrach ich den Übersetzer. «Entschuldigung, am 27. Februar welchen Jahres?» «In diesem Jahr», stellte er klar. Rachels Mann war tatsächlich vor vier Tagen ermordet worden. Der Rest von Rachels Erzählung ähnelte auf bittere Weise vielen anderen Geschichten, die ich in dieser Woche gehört hatte.

Es war am 27. Februar gegen 19 Uhr. Rachel stillte gerade ihr jüngstes Kind, als ihr Mann rief: «Die Fulani kommen!» Sie packte ihre vier Kinder und rannte in den Busch, als hinter ihr Schüsse fielen. In einer panischen Menschenmenge verlor Rachel ihren Mann aus den Augen. Als sie am Morgen ins Dorf zurückkehrte, fand sie in ihrem Schrecken seine Leiche auf dem Boden liegen.

Obwohl ich ähnliche Geschichten in den letzten Tagen schon oft gehört hatte, war die Tatsache, dass Rachels Ehemann vor so kurzer Zeit getötet worden war, ein Schock. «Solche tödlichen Überfälle passieren wirklich andauernd», wurde mir klar.

Kaum zu glauben – drei Wochen ohne Angriffe

Am Tag zuvor hatten wir die St. Andreas-Kathedrale, den Sitz der Diözese Zonkwa im Bundesstaat Kaduna, besucht. Bischof Jacob Kwashi stellte uns zwölf Familien vor, die durch den jüngsten Angriff der Fulani-Miliz vertrieben worden waren. «Seit der letzten Attacke in dieser Gegend sind fast drei Wochen vergangen», erklärte uns der Bischof und fügte lakonisch an: «Es ist also ungewöhnlich ruhig gewesen.»

In der gleichnamigen Hauptstadt des Bundesstaats traf ich Luka Binniyat, den Journalisten, der kürzlich drei Monate im Gefängnis sass, weil er über ein Massaker an Christen berichtet hatte (Magazin vom April 2022). Dabei betonte er: «Es vergeht kein einziger Tag, an dem nicht ein Dorf angegriffen oder jemand entführt wird.»

Rachel hat ihren Ehemann verloren. Er wurde bei einem Angriff der Fulani-Miliz getötet. csi
Rachel hat ihren Ehemann verloren. Er wurde bei einem Angriff der Fulani-Miliz getötet. csi

Tausende Christen zum Opfer gefallen

In den letzten Jahren ist diese riesige, fruchtbare Region in Zentralnigeria zwischen dem überwiegend muslimischen Norden und dem vornehmlich christlichen Süden zum Schauplatz zahlreicher Angriffe auf Christen geworden. Schwer bewaffnete, straff organisierte Milizen der Volksgruppe der Fulani attackieren und massakrieren grundlos einheimische christliche Bauerngemeinschaften. 

Tausende von Christen wurden bei diesen Angriffen getötet, Millionen wurden aus ihren Häusern vertrieben. In den vergangenen Jahren wurden bei den Angriffen der Fulani-Miliz sogar mehr Menschen getötet als durch die berüchtigte Terrorgruppe Boko Haram, die vor allem im Nordosten des Landes wütet. Viele christliche Dörfer wurden von ihren Bewohnern verlassen, um dann von muslimischen Fulani-Siedlern besetzt zu werden.

2020 waren diese Angriffe so schlimm geworden, dass CSI eine Warnung vor Völkermord an Christen in Nigeria aussprach. Seitdem hat sich die Situation weiter verschlimmert.

Viele Christen sehen in diesen Angriffen eine koordinierte Strategie, um die demografische Struktur der Region zu verändern, indem die einheimischen christlichen Gruppen nach und nach vertrieben und durch Muslime ersetzt werden. Sie erinnern an den Dschihad von 1804, bei dem Fulani-Krieger aus Nordnigeria ein Kalifat errichteten, viele Menschen aus Zentralnigeria versklavten und versuchten, Zentralnigeria zu erobern. Das Vorhaben scheiterte jedoch.

Etliche Christen glauben, dass die Fulani-Führer die Sache nun zu Ende bringen wollen. Es wird vermutet, dass die Angreifer dabei durch die nigerianische Regierung unterstützt werden. 

Fragwürdiges Verhalten der Armee

Auf unseren Reisen durch die Bundesstaaten Plateau und Kaduna fiel mir auf, an wie vielen Kontrollpunkten der Armee wir vorbeikamen
und wie viele Soldaten wir sahen. In einem Dorf, das im November 2021 angegriffen wurde, wurden wir von misstrauischen Soldaten weggescheucht. Sie wollten nicht, dass wir zu viele Fotos von der Zerstörung machen. Auf dem Weg zu Rachels Dorf gibt es sogar einen Militärstützpunkt.

Und dennoch scheint die nigerianische Armee nicht in der Lage – oder willens – zu sein, diese Angriffe zu stoppen. Die Überlebenden erzählen mir immer wieder dasselbe: «Wir haben um Hilfe gerufen, aber die Armee kam erst, nachdem der Angriff vorbei war.»

Zeichen der Ermutigung

Ist es möglich, unter diesen schrecklichen Umständen Hoffnung zu finden?

Trotz all der tragischen Geschichten, die ich auf dieser Reise hörte, fand ich mich durch den Mut und den Glauben der nigerianischen Christen ermutigt. Unser Reiseleiter, ein Pfarrer der anglikanischen Kirche, ist ein viel beschäftigter Mann. Trotzdem hat er zusammen mit seiner Frau ein junges Mädchen adoptiert, dessen Eltern bei einem Überfall der Fulani-Miliz getötet wurden. In einem zerstörten Dorf treffe ich ein grosses Team von Freiwilligen, die ein Haus wieder aufbauen. «Wem gehört dieses Haus?» frage ich einen der Männer. «Das wissen wir nicht», antwortet er. «Das ist auch nicht wichtig. Wir sind alle dafür verantwortlich, das Haus wieder aufzubauen.»

Die Partner von CSI in Jos erzählen mir, wie sie Frühwarnnetzwerke aufbauen, um christliche Dörfer zu warnen, dass islamistische Fulani unterwegs sind, bevor sie eintreffen. Sie tun dies, obwohl sie wissen, dass sie selbst von Fulani-Milizen und sogar von nigerianischen Sicherheitsbeamten gejagt werden.

Verfolgte beten für mich

Rund um die Stadt Miango (Bundesstaat Plateau) wurden im letzten Jahr 15 Dörfer angegriffen – darunter auch jenes von Rachel. Hier trafen wir uns mit einer grossen Gruppe von Pastoren und kirchlichen Mitarbeitern, die alle entschlossen sind, ihre Kirchgemeinde am Leben zu erhalten.

Am Ende des Treffens versammelten sich diese Männer und Frauen  –  Katholiken, Anglikaner, Evange-
likale und andere  –  um unser Team, legten uns die Hände auf und beteten für uns in Englisch, Hausa und Irigwe. Wie beschämend war es für mich, dass Menschen für uns beteten, die selbst so viel gelitten haben! Unvergesslich bleibt welche Glaubensüberzeugung die Kirchenverantwortlichen in diesen Gebeten ausstrahlten. Eine Überzeugung, dass das Christentum in Zentralnigeria trotz allem weiterlebt.

Möge der Herr die Kirche im Westen gebrauchen, um dazu beizutragen, dass es so kommt.

Unterstützung seit 2013

CSI setzt sich seit 2013 für verfolgte Christen in Nigeria ein. Mit Hilfe lokaler Partner stellt CSI Unterkünfte, Lebensmittel und Kleidung für Vertriebene zur Verfügung. Zudem leistet CSI medizinische Hilfe für Opfer von Terroranschlägen und bietet juristische Unterstützung für Christen, die von der nigerianischen Regierung verfolgt werden, weil sie sich zu den anhaltenden Angriffen auf ihre Gemeinden äussern. 

Joel Veldkamp

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