Ohne politische Veränderung verschlimmert sich die Christenverfolgung

Die Sicherheitslage in Nigeria hat sich in jüngster Zeit massiv verschlechtert, bemerkt Franklyne Ogbunwezeh. Der CSI-Afrika-Experte weilte drei Wochen in seiner Heimat, um sich ein Bild von der Lage der Christen zu machen. Sein Fazit: Ohne Wende in der Politik werden die Islamisten weiterhin Christen töten.

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CSI: Franklyne Ogbunwezeh, welches waren die wichtigsten Ziele Ihrer Reise nach Nigeria?

Franklyne: Nach meiner Einschätzung ist die Regierung entweder nicht willens oder unfähig, der religiösen Gewalt im Land Einhalt zu gebieten. Meine Mission war es, mich mit Einheimischen zu treffen, die an einer Dezentralisierung der Macht in Nigeria interessiert sind.

Inwiefern würde eine solche Dezentralisierung der Macht den bedrohten Christen helfen?

Wir glauben, dass so die politischen Konflikte und die Gewaltspirale durchbrochen werden können. Denn durch die Dezentralisierung der Macht könnten die Gouverneure der einzelnen Bundesstaaten selbständig den Befehl für Polizeieinsätze erteilen. Dadurch würden bei einem Angriff von Islamisten auf Christen Sicherheitskräfte viel schneller vor Ort sein, als in der gegenwärtigen Situation, in der man auf die entsprechenden präsidialen Befehle aus der Hauptstadt Abuja warten muss.

Ich habe hierfür mit Geistlichen, Journalisten, Intellektuellen, aber auch Menschen aus anderen Gesellschaftsschichten gesprochen. Ausserdem sprach ich mit politischen Verantwortungsträgern, deren Namen ich aus Sicherheitsgründen nicht nennen kann, über die gefährliche Lage in Nigeria. Nebst der Dezentralisierung der Macht diskutierten wir über die Christenverfolgung in den zentralen und nördlichen Landesteilen. Dabei war auch die Invasion der Fulani-Nomaden ein Thema.

Und wie haben diese nigerianischen Politiker darauf reagiert?

Sie anerkannten das Problem der Christenverfolgung. Einige von ihnen führten es auf die allgemeine Unsicherheit in Nigeria zurück, die auf mangelhafte Polizeiarbeit und politische Untätigkeit hinausläuft.

Welchen Eindruck erhielten Sie grundsätzlich auf Ihrer Reise?

Die Sicherheitslage hat sich seit 2019 nochmals verschlechtert. Es herrscht ein tiefes Gefühl der Angst. Im Nordosten wütet immer noch der islamistische Aufstand von Boko Haram und der davon abgespaltenen Terrororganisation ISWAP (Islamic State West African Province). Die Fulani-Extremisten werden immer raffinierter und dreister bei ihren Angriffen auf christliche Dörfer. Wenn nichts geschieht, könnte Nigeria einen Bürgerkrieg und einen Völkermord erleben, wie es ihn in Afrika noch nie gegeben hat.

Was mich aber auch empört hat, ist die Armut und Hoffnungslosigkeit. Eine kleine Anzahl Nigerianer, besonders die Politiker in der Hauptstadt Abuja, schwelgt im Luxus, während die Mehrheit der Bevölkerung hungrig zu Bett gehen muss und nicht weiss, woher sie die nächste Mahlzeit erhalten soll.

Konnten Sie alle geplanten Besuche abhalten?

Nein, die Treffen mit Vertretern aus Kaduna, wo nebst Plateau die meisten Angriffe von Fulani-Islamisten stattfinden, mussten wir in Abuja abhalten. Eine Reise nach Kaduna wäre für mich zu riskant gewesen, genauso wie ein Besuch im Nordosten.

Sie sprechen zu Recht Ihre persönliche Sicherheit an. Gab es Momente, in denen Sie sich bedroht fühlten?

Ja, leider. Ich hätte nie geglaubt, dass ich mich in meinem eigenen Land jemals unsicher fühlen würde. Aber die Realität holte mich auf dieser Reise ein. Zunächst musste ich viele Treffen absagen, weil mir die Leute, mit denen ich mich treffen wollte, aus Angst vor einer Entführung dringend von einer Reise mit dem Auto abrieten. 

Am Flughafen von Jos wurde ich von unserem Partner Solomon Dalyop Mwantiri abgeholt. Während der Fahrt musste er mehrmals anhalten und wieder Gas geben, um Autos abzuschütteln, die uns folgten. Er schaute ständig in seinen Rückspiegel. In diesem Moment hatte ich Angst um mein Leben. Danach habe ich mich während meines Aufenthalts in Jos nie mehr sicher gefühlt.

Ebenso geprägt hat mich das Treffen mit einem ehemaligen Regierungsbeamten und prominenten politischen Dissidenten. Sein Leben ist in Gefahr, seit er sich gegen die Tötung von Christen durch Fulani-Viehhüter und die scheinbare Kollaboration der Regierung in dieser Hinsicht ausgesprochen hat. Er lebt seit längerem im Untergrund, weil Attentäter auf ihn angesetzt wurden.

In welchen Gebieten ist es für Christen noch relativ sicher?

Verglichen mit den Gebieten im Norden und im Zentrum des Landes ist die Lage für Christen ganz im Süden und im Nordwesten weniger prekär. In südlichen Gebieten wie in der Grossstadt Lagos scheint das Leben seinen gewohnten Lauf zu nehmen. Doch die Terroristen von Boko Haram und Fulani wollen ihren Islam ganz Nigeria aufzwingen. Wirklich sicher können die nigerianischen Christen nur dann sein, wenn diese islamistischen Gruppen gestoppt werden.

Was müsste sich ändern, um die Verfolgung von Christen in Nigeria zu stoppen?

Kurz zusammengefasst: Es wäre sinnvoll, wenn die Bundesstaaten mehr Autonomie erhalten würden, vor allem bei Polizeieinsätzen. Damit wären wir wieder bei der Dezentralisierung der Macht. Was viele Nigerianer wollen, ist ein föderalistisches System ähnlich wie in der Schweiz, in welchem den Staaten gewisse Kompetenzen zugestanden werden.

Im Weiteren müsste die Zentralregierung unter Muhammadu Buhari endlich auf die religiösen Übergriffe durch die Islamisten reagieren und die Täter zur Rechenschaft ziehen. Doch wenn es so weitergeht, wird der Tag kommen, an dem sich Christen sichtbar wehren werden.

CSI hatte im Januar 2020 eine Genozidwarnung herausgegeben. Ist sie gerechtfertigt?

Auf jeden Fall, allein schon wegen der systematischen Angriffe der Fulani-Islamisten auf christliche Gemeinschaften in Zentralnigeria. Im Bundesstaat Plateau wurden von 2010 bis heute schon über 70 christliche Dörfer durch Fulani-Nomaden überfallen. Im Süden des Staats Kaduna sind es in diesem Zeitraum gar rund 110. Es gibt keine Anzeichen, dass diese mörderischen Attacken aufhören würden.

Hatten Sie auf Ihrer Reise auch Kontakt mit Muslimen?

Ich habe mich auch mit ein paar muslimischen Freunden getroffen. Einige von ihnen haben zweifellos eine andere Sicht als die nigerianischen Christen. Das ist legitim. Aber trotz dieser Differenzen können wir einen freundschaftlichen Kontakt pflegen, solange wir nicht zu sehr über Religion und Politik sprechen.

Welche Begegnungen haben Ihnen Mut gemacht?

Es hat mich gefreut, dass ich mehreren nigerianischen Medien ein Interview geben konnte. So sprach ich mit dem Radiosender «Dream FM» in Enugu und auch mit den Fernsehsendern «TVC Lagos» und «Linda Ikeji TV». Zusammen erreichen diese Medienhäuser fast 100 Millionen Menschen. In den Interviews warnte ich vor allem vor einem Völkermord in Nigeria, der extreme Ausmasse annehmen könnte, wenn die religiösen und ethnischen Gruppen nicht bereit sind, den gegenseitigen Dialog zu suchen.

Eine weitere Ermutigung war für mich der Gottesdienstbesuch in Umana Ndiagu, einem Dorf nahe der südöstlichen Stadt Enugu. Der Gottesdienst in der prall gefüllten Kirche war sehr lebhaft. Aus gutem Grund ist die Kirche die letzte Quelle der Hoffnung für die nigerianischen Christen.

Am meisten beeindruckt hat mich aber die Resilienz der Christen in Zentralnigeria. Trotz ihrer ständigen Angst vor den wiederholten tödlichen Überfällen durch Fulani-Islamisten halten sie an ihrem Glauben und ihrer Hoffnung fest. Ich bewundere ihren Mut und bete, dass die Welt auf die brutalen Angriffe der Fulani aufmerksam wird und den bedrohten Christen hilft.

Interview: Reto Baliarda

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