Pakistan: Minderjähriges Blasphemie-Opfer kommt auf Kaution frei

Haider Ali, ein 16-jähriger pakistanischer Muslim, ist nach drei Jahren Haft wegen angeblicher Blasphemie auf Kaution freigelassen worden. CSI leistete rechtlichen Beistand. Haider ist einer von Tausenden Christen und Muslimen, die aufgrund des pakistanischen Blasphemiegesetzes verfolgt werden.

Haider Ali mit seinen Eltern.

Glücklich vereint: Nach über drei Jahren Haft ist Haider Ali (16, Mitte) wieder im Kreis seiner Familie. csi

 

Haider Alis Mutter Muqadesh kann endlich aufatmen: Nach drei Jahren Haft wurde ihr Sohn am 13. November 2023 aus dem Gefängnis in Lahore entlassen. «Wir hätten nie gedacht, dass unser Sohn einmal hinter Gittern landen würde. Wir waren um sein Leben besorgt. Es war auch für uns eine sehr harte Zeit», erzählt Muqadesh.

In Angst um Haiders Leben

Am 20. Oktober 2023 hat der Oberste Gerichtshof Pakistans einem Antrag auf Kaution stattgegeben. Obwohl Haider Ali bei seiner Verhaftung erst 13 Jahre alt war, wurde er nicht in ein Jugendgefängnis eingewiesen. Während der drei Jahre und zwei Monate seiner Haft teilte er sich eine Zelle mit sechs erwachsenen Männern. «Jeder Tag im Gefängnis war schrecklich», sagte Haider gegenüber CSI. «Ich hatte Angst, dass mich jemand umbringen würde.»

Anschuldigung und Verhaftung

Die Umstände von Haiders Verhaftung sind bis heute unklar. Bekannt ist nur, dass ein anderer Muslim, Faisal Azi, ihn beschuldigt hatte, Seiten aus einer Koranausgabe herausgerissen zu haben. Seine Familie aber meint, Haider hätte so etwas nie getan. Faisal selbst behauptet, er habe Haider mit der Anschuldigung einen Gefallen getan und ihn damit vor der Vergeltung durch den Mob geschützt. «Die Leute wollten Haider töten, aber ich habe ihn gerettet, indem ich ihn der Polizei übergab», so erklärt Faisal sein Vorgehen.

Der Vater lag im Krankenhaus

Haiders Verhaftung hätte für die Familie zu keinem schlechteren Zeitpunkt kommen können. Als Haider ins Gefängnis musste, lag sein Vater Talad nach einem Herzinfarkt im Krankenhaus. Die Familie Ali verkaufte Etliches von ihrem Besitz, um Geld für einen Anwalt aufzutreiben. Doch dieser Anwalt unternahm nichts, um Haiders Freilassung zu erwirken.

Trotz der weiten Distanz zum Gefängnis besuchte Muqadesh ihren Sohn jede Woche und brachte ihm zu essen. Aber nachdem Talad wegen seiner gesundheitlichen Probleme ein Bein und damit auch die Arbeit als Rikscha-Fahrer verloren hatte, konnte Muqadesh nur noch einmal monatlich zu Haider reisen.

Juristische und finanzielle Hilfe

Seit dem Bekanntwerden des Falls unterstützt CSI Haiders Familie durch den lokalen Partner rechtlich und finanziell. Die Familie konnte eine Nähmaschine kaufen und ein Schneideratelier eröffnen. Zudem half CSI der Familie an einen Ort umzuziehen, wo sie sicher ist.

CSI-Partner Anjum engagierte einen Anwalt, um Haiders Freilassung zu erreichen. Obwohl Haider minderjährig war, erklärten sich die Gerichte zu Beginn nicht bereit dazu, ihn aus dem Gefängnis zu entlassen, da in Pakistan Blasphemie als schweres Verbrechen gilt. Dank der Bemühungen des neuen Anwalts wurde Haider am 20. Oktober schliesslich doch vom Obersten Gerichtshof freigesprochen. «Heute bin ich frei und wieder mit meiner Familie vereint – dank der Unterstützung von CSI», freut sich Haider.

Blasphemiegesetze werden als Waffe eingesetzt

In einem Schreiben vom 23. November 2022 hatte der Präsident von CSI International, John Eibner, den damaligen pakistanischen Justizminister Sardar Ayaz Sadiq aufgefordert, die Blasphemie-Anklagen gegen zehn pakistanische Bürger, darunter Haider Ali, fallen zu lassen. Eibner kritisierte unter anderem, dass «Anklagen wegen Blasphemie in Pakistan in der Regel von Polizeibeamten und anderen Anklägern gegen unschuldige Menschen erhoben werden, um Rache zu üben oder andere Formen unwürdiger persönlicher Befriedigung zu erlangen».

Aufgrund Abschnitt 295 des pakistanischen Strafgesetzbuchs ist Blasphemie ein Kapitalverbrechen. Seit dem Inkrafttreten des Blasphemiegesetzes im Jahr 1987 wurden fast 2‘000 Menschen der Blasphemie beschuldigt. 78 davon wurden ermordet, nachdem sie angeklagt worden waren.  Die Blasphemiegesetze haben in Pakistan ein Klima der Straflosigkeit für religiösen Terror geschaffen. Böswillige Akteure können falsche Blasphemie-Anschuldigungen, die nur schwer zu widerlegen sind, leicht als Waffe einsetzen. Dies wiederum kann religiöse Konflikte schüren, wenn der Mob das Gesetz in die eigenen Hände nimmt. Religiöse Minderheiten und Menschen mit niedrigem sozialem Status sind besonders gefährdet und anfällig für den Missbrauch der Blasphemiegesetze und können sich oft keine rechtliche Verteidigung leisten.

Morven McLean

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