112 Mädchen immer noch vermisst – Angespannte Lage in Chibok

Chibok erlangte weltweit traurige Berühmtheit, als am 14. April 2014 Islamisten von Boko Haram 276 überwiegend christliche Mädchen aus einem Internat verschleppten. Nach wie vor fehlt von 112 Mädchen jede Spur. Im Auftrag von CSI hat die mutige nigerianische Journalistin Amaka Okoye die nordöstliche Stadt besucht und mit Angehörigen von Entführungsopfern gesprochen. Die Sicherheitslage sei äusserst prekär. «Aus Angst vor einem Angriff schläft jeder Mann in Chibok mit einer Waffe neben sich», schreibt sie.

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Im Folgenden schildert Amaka Okoye ihre eindrücklichen Erlebnisse der nicht ungefährlichen Reise von Yola (Bundesstaat Adamawa) nach Chibok (Borno).

«Das Ziel meiner Reise nach Chibok war es, aus erster Hand die Erfahrungen von Eltern und Verwandten der immer noch vermissten Schulmädchen zu dokumentieren. Ebenso wollte ich mit Mädchen sprechen, die es entweder durch die Bemühungen der Regierung oder durch die Flucht zurück nach Chibok geschafft haben.

Checkpoints mit nur einem Soldaten

Die rund 270 Kilometer lange Route von Yola nach Chibok führt an Hügeln und Klippen vorbei, von denen die Terroristen regelmässig auftauchen und ihre Opfer angreifen. Ich selbst habe unterwegs über 10 Checkpoints der Armee gezählt. Ich sah viele junge Militärangehörige, die nur zu ihrer eigenen Sicherheit eine Waffe in der Hand hielten.

An mehreren Checkpoints sah ich einen einsamen, schlecht ausgerüsteten Militärangehörigen, der unter der sengenden Sonne mitten im Nirgendwo stand. Ich fragte mich, wie dieser Soldat bei einem Angriff sich selbst oder die Menschen verteidigen kann, die er eigentlich schützen sollte.

Unmittelbar vor Chibok passierten wir mehrere Strassen in bedauernswertem Zustand, auf denen weder Menschen noch Tiere unterwegs waren. Es gab absolut keine Möglichkeit zur Flucht. Ich fragte mich: Was passiert mit den Geldern, die für Strassen und Infrastruktur bereitgestellt werden? Wie kann es sein, dass Menschen, die eine leichte Beute für Terroristen sind, kein brauchbares Strassennetz haben? Sieht denn keiner der Regierungsbeamten in diesem Gebiet die Notwendigkeit, diese Probleme auf nationaler Ebene anzusprechen?

Es ist unbestritten, dass wir uns auf einer riskanten Reise befanden. Aber aus dem Wunsch heraus, den Eltern der entführten Mädchen von Chibok die Möglichkeit zu geben, der Welt ihre Realität zu zeigen, setzten mein Kamerateam und ich unsere Reise nach Chibok fort.

«Lass uns sofort umkehren!»

Unser Leben lag in Gottes Hand. Als wir in Askira ankamen, stellte uns der einsame Soldat am Checkpoint die übliche Frage, woher wir kämen und wohin wir wollten. Nachdem ihm unser Fahrer erklärt hatte, dass wir nach Chibok fahren würden, schaute er ihn mit grossen Augen an. «Es ist keine gute Idee, die Fahrt nach Chibok fortzusetzen. Wir haben Boko Haram-Kämpfer in der Nähe gesichtet und deshalb die Dorfbewohner gebeten, in die Wälder zu flüchten.»

Wir waren wie versteinert. Ich bat den Fahrer: «Lass uns sofort umkehren!» Doch das wäre noch gefährlicher gewesen, hätten wir doch in der Nacht nach Yola zurückfahren müssen. Wir waren nur noch 15 Kilometer von Chibok entfernt und mussten nun eine schnelle Entscheidung treffen. Wenn wir in Chibok ankommen wollten, musste es vor 17 Uhr sein. Nach 17 Uhr ist die Zufahrt nach Chibok jeweils abgesperrt.

Der unheimlichste Moment ihres Lebens

Mit Entsetzen sahen wir, wie Männer und Frauen in die Büsche rannten oder mit dem Fahrrad davonfuhren. Es war der beängstigendste Moment meines Lebens. Der Soldat am Checkpoint überliess uns die Entscheidung. Was konnte er schon für uns tun? Er musste schliesslich sein eigenes Leben schützen.

Wir beschlossen, für ein paar Stunden in ein anderes Dorf zu gehen, bevor wir nach Chibok weiterfuhren, wo wir schliesslich sicher ankamen.

Tatsächlich gab es am selben Tag einen Anschlag, bei dem über 40 Menschen getötet wurden, darunter auch Frauen und Kinder. Traurigerweise war dies kein einmaliger Vorfall. Die Dorfbewohner erleben dies ständig. Mit ihren Kindern Hals über Kopf in die Berge zu rennen, ist für sie zu einer alltäglichen Gewohnheit geworden. Ich frage mich, wie sie nur damit zurechtkommen. Ihr Schicksal geht mir sehr nahe: Diese Menschen sind einfach hier geboren und haben keinen Ort, wohin sie fliehen können.

Auch Soldaten fliehen

Wir schliefen im Haus eines pensionierten Polizisten, ein Ort, der als relativ sicher galt. Seine Familie habe gelernt, mit der Realität der ständigen Bedrohung umzugehen, versichert er uns.

In Chibok gibt es eine starke Militärpräsenz. Die Menschen sehen täglich Militärangehörige. Es ist ein Zeichen der Hoffnung und gibt ihnen das Gefühl der Sicherheit. Doch würden die Soldaten mit ihrer Ausrüstung bei einem Angriff die nötige Gegenwehr leisten? Unser Begleiter vor Ort gibt unumwunden zu, dass das Militär bei Angriffen der modern bewaffneten Terroristen auch schon fliehen musste, genauso wie die Dorfbewohner. «Jeder Mann in Chibok schläft aus Angst vor einem Angriff mit einem Gewehr oder einer anderen Waffe an seiner Seite», erklärt er.

Das Schweigen zermürbt sie

Ich verbrachte zwei Tage damit, Eltern und ehemalige Chibok-Schülerinnen zu interviewen. Mir zerreisst es fast das Herz, dass sieben Jahre danach einige der 112 Mädchen immer noch nicht zurück sind. Keiner weiss genau, was aus ihnen geworden ist. Betroffene Eltern offenbaren mir, dass sie das Schweigen der Behörden am meisten zermürbt. Sie fragen sich: «Sind unsere Mädchen noch am Leben? Sind sie alle in der Gefangenschaft gestorben?» Diese Eltern bitten nur darum, einen Schlussstrich ziehen zu können.

Was ist mit den vermissten 112 Mädchen?

In Chibok geschah am 14. April 2014 die erste Massenentführung von Schülerinnen in Nigeria, die damals mit dem Hashtag BringBackOurGirls weltweite Aufmerksamkeit erlangte. Seitdem kam es zu weiteren Entführungen durch islamistische Terrorgruppen, unter anderem in Dapchi (Yobe), Kankara (Katsina), und zuletzt Afaka (Kaduna). In all diesen Fällen wurden die meisten, wenn nicht sogar alle Entführten freigelassen. Dies im Gegensatz zu den 112 Internatsschülerinnen aus Chibok, von denen weiterhin jede Spur fehlt.

Leere Versprechen

Als Präsident Muhammadu Buhari 2015 sein Amt antrat, versprach er den Nigerianern, dass er die Boko-Haram-Terroristen im Nordosten in sechs Monaten auslöschen würde. Was ist aus diesem Versprechen geworden?

Während sich das Militär rühmt, es habe alle Städte und Dörfer von den Terroristen zurückerobert, haben zuverlässige Quellen bei meinen Interviews auf dieser Reise ergeben, dass fünf der 27 Regierungsbezirke im Bundesstaat Borno immer noch unter der totalen Kontrolle von Boko Haram-Terroristen stehen. Auf dem Weg nach Chibok sahen wir auch verlassene Dörfer. Daten des UN-Flüchtlingshilfswerks deuten darauf hin, dass über 2,7 Millionen Menschen im Nordosten Nigerias intern vertrieben wurden.

Meine Reise nach Chibok hat mich noch mehr beunruhigt. Die gemachten Erfahrungen haben mir vor Augen geführt, wie prekär die Sicherheitslage in Nigeria ist. Die nigerianische Regierung sagt, dass die Sicherheit eines ihrer Markenzeichen sei. Leider scheint es nicht so, als ob der Kampf gegen den Terror bald vorbei wäre.»

Seit Jahren unterstützt CSI im Nordosten Nigerias Christen, die vor Angriffen durch Boko Haram geflüchtet sind. Die Opfer erhalten Nahrungsmittel, Medikamente oder eine Anschubfinanzierung für ein Kleingewerbe.

Übersetzung: Reto Baliarda

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