Eine leidende Kämpferin für Menschen in Not

Vier Jahre lang stand Zeina Shaheen den leidenden Menschen im kriegsgeplagten Syrien zur Seite. Nebst diversen Grenzerfahrungen erlebte sie auch sehr wertvolle Momente. Die 40-jährige Libanesin wuchs selbst im Krieg auf. Sie freut sich, dass sie in Zukunft die CSI-Partner und Projekte in Syrien kommunikativ begleiten wird.

Zeina Shaheen wird CSI in der Informationsarbeit über Syrien unterstützen. csi

CSI: Zeina Shaheen, Sie kamen 1982 während des Bürgerkriegs im Libanon zur Welt.
Zeina Shaheen: Ja, ich bin ein Kriegskind. Der Krieg hat mich insofern beeinflusst, dass ich oft ängstlich bin. Aber das Leiden hat mich auch stark gemacht. Ich habe gelernt, zu kämpfen.

Sind Ihre persönlichen Erfahrungen im Krieg mit ein Grund, dass Sie ein Herz für benachteiligte Menschen haben?
Zum Teil sicher. Aber da gab es noch ein weiteres Schlüsselerlebnis. Als Kind wollte ich Politikerin werden. Als ich mit 14 Jahren eine katholische Privatschule besuchte, hörte ich eine Geschichte von einem reichen Mann, der einen armen Mann sah und Gott fragte: «Warum hilfst du ihm nicht?» Gott antwortete: «Ich werde ihm durch dich helfen.» Ich erkannte, dass ich bei mir anfangen muss, wenn ich die Welt verändern möchte. Ich beschloss, ein Werkzeug Gottes zu werden.

Trotz meiner Veränderung schloss ich ein Studium in Entwicklungssoziologie ab. Später wurde ich Mitglied der Fokolar-Bewegung und ging für zwei Jahre nach Italien. Es folgten längere Aufenthalte in der Schweiz, in Oberägypten und wieder im Libanon. Schliesslich entschied ich mich, ins kriegsgeplagte Syrien zu gehen, wo ich vom 4. Juli 2017 bis zum 30. April 2021 blieb.

Warum kehrten Sie anschliessend in den Libanon zurück?
Weil es meinen Eltern schlecht ging. Mein Vater ist gerade vor kurzem, am 10. März 2022, gestorben. Ich habe meinen Eltern jeden Tag von 8 bis 16 Uhr geholfen, anschlies-send jeweils mein Bruder. Im Libanon gibt es keine Sozialversicherung.

Wofür haben Sie sich während der vier Jahre in Syrien hauptsächlich eingesetzt?
In Syrien habe ich für die italienische NGO Azione per un mondo unito (AMU) gearbeitet. Ich war zusammen mit 13 Lehrpersonen für die Betreuung von 150 Schülern im Alter von 14 bis 17 Jahren zuständig, die durch den Krieg schulisch in Rückstand geraten waren. Wir haben armen Familien mit Geldbeträgen geholfen und ihnen Heizmaterial zur Verfügung gestellt. Aber das Wichtigste war die gemeinsame Zeit, die wir ihnen geschenkt haben. Ich habe den am meisten gefährdeten Menschen und auch Witwen geholfen.

Trotz des offiziell angekündigten Kriegsendes im Mai 2018 blieben Sie in Syrien.
Ja, auch weil die Menschen durch die Sanktionen wirtschaftlich leiden. Es fehlt heute noch an allem wie Lebensmitteln, Strom usw. Die Jugend sieht keine Zukunft. Dank CSI und anderen NGOs wird vielen Menschen neue Hoffnung geschenkt.

Hielten Sie sich hauptsächlich in Damaskus auf?
Ich habe in Damaskus gelebt, aber ich war Anfang 2018 auch drei Monate in Aleppo. Damals war es in Aleppo sicherer, weil der Krieg in dieser Zeit vor allem in Damaskus tobte. Ich war auch in Homs, Tartus, Latakia, Marmarita und vielen weiteren Ortschaften.

 

Reto Baliarda im Gespräch mit Zeina Shaheen. csi
Reto Baliarda im Gespräch mit Zeina Shaheen. csi

Erlebten Sie Momente, in denen Sie Ihres Lebens nicht mehr sicher waren?
Ich habe mehrmals gefährliche Momente erlebt. Einmal schlief ich wegen der häufigen Bombardierung in meinen Kleidern, um im Notfallfliehen zu können.

Bei einer anderen Gelegenheit bat mich ein Priester in Damaskus, einen Platz für ein missbrauchtes Kind zu finden. Ich beschloss, es in das Kloster der Schwestern von Mutter Teresa zu bringen. Damaskus wurde zu jener Zeit konstant bombardiert und ich war auf dem Weg zu den Schwestern von Mutter Teresa ohne Schutz. Nach einem intensiven Gebet rannten wir wie verrückt. Gott sei Dank kamen wir heil an.

Der letzte gefährliche Vorfall war am 9. Januar 2018: 50 Meter von mir fiel eine Bombe. Ich schrie und hörte die Schreie vieler Menschen. Anwesende Bauarbeiter wurden schwer verletzt. Raketen-Splitter waren in ihre Körper eingedrungen.

Welche Erfahrungen haben Sie als Christ mit Muslimen in Syrien gemacht?
Vor dem Krieg gab es keine Unterschiede zwischen Muslimen und Christen. Aber der Krieg hat zu einer Spaltung zwischen den Christen und den Muslimen geführt. Die Christen trauen ihnen nicht mehr.

Ich habe jedoch durchwegs gute Erfahrungen mit den muslimischen Schülern gemacht, denen ich geholfen habe. Wir haben nicht über Religion gesprochen. Wir haben Brücken gebaut. Mein Prinzip war, die sogenannte Goldene Regel zu leben: «Tu für den anderen, was du willst, dass er für dich tut.»

Sicherlich sind Sie auch Menschen in extremen Situationen begegnet.
Ja, viele Menschen gelangten durch den Krieg an den Rand ihrer Kräfte. Mehrmals wurde ich mit Gewalt konfrontiert, auch in christlichen Familien. Ein Vater hat seine Tochter gebissen. Ich habe auch eine christliche Familie getroffen, in der der Mann sein Gewehr auf seine Frau gerichtet hat. Viele Ehepaare liessen sich während des Kriegs scheiden, unabhängig von ihrer Religion.

Wie haben Sie die CSI-Projektleiterin für Syrien kennen gelernt?
Wir lernten uns im Sommer 2019 in Damaskus kennen. Im Dezember 2021 nahmen wir wieder Kontakt auf und besprachen, inwiefern ich CSI in Syrien unterstützen kann.

Was genau werden Sie für CSI tun?
Ich werde die Partner und Projekte von CSI in Syrien im Durchschnitt einmal im Monat besuchen, um CSI über Neuigkeiten zu informieren. Von meinem Haus im Libanon sind es drei Stunden bis Damaskus. Ich benötige auch kein Visum, um nach Syrien zu reisen.

Was bedeutet es für Sie, bei CSI mitzuwirken?
Ich bin dankbar, dass ich das CSI-Team in der Schweiz kennenlernen durfte. Mir gefällt der ökumenische Aspekt und dass CSI allen hilft. Wir können uns gegenseitig bereichern, wenn wir mit verschiedenen Konfessionen wie Katholiken, Protestanten oder Freikirchlern zusammenarbeiten. Ich freue mich sehr darauf, CSI mit meinen Fähigkeiten und Erfahrungen zu unterstützen.

Interview: Reto Baliarda

Zeina Shaheen wird CSI in der Informationsarbeit über Syrien unterstützen. csi
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