«Ich bin sehr beeindruckt vom mutigen Einsatz unserer Partner»

Zusammen mit der Nahost-Projektleiterin reiste CSI-Geschäftsführer John Eibner Ende März 2022 in die Westukraine. Im Interview beschreibt er, wie er die Lage vor Ort erlebt hat und welche Begegnungen ihm besonders nahe gegangen sind.

John Eibner zusammen mit Bischof Mykola Petro Lutschok, Apostolischer Administrator des Bistums Mukatschewo und Mira Milavec von Caritas-Spes. Links die Übersetzerin des Bistums. csi

CSI: Welches Gebiet in der Ukraine haben Sie besucht?

John Eibner: Wir sind nach Mukatschewo gereist, das in Transkarpatien in der Westukraine liegt. Wir wollten uns aus erster Hand ein Bild von der humanitären Not und anderen Gegebenheiten in dem kriegsgebeutelten Land machen. Zudem interessierte uns, wie die von CSI unterstützten Hilfsmassnahmen umgesetzt werden.

Mukatschewo ist im Moment eine der sichersten Orte der Ukraine. Die Stadt liegt südlich der Karpaten und etwa 45 Autominuten von der weitgehend entmilitarisierten ungarischen Grenze entfernt. Aufgrund seiner relativen Sicherheit ist Mukatschewo zum Drehkreuz vieler internationaler humanitärer Aktionen geworden. Aus anderen europäischen Ländern strömt humanitäre Hilfe nach Mukatschewo. Sie wird dann an die Opfer in den belagerten oder besetzten Städten des Landes weiter transportiert. Ferner ist Mukatschewo ein sicherer Zufluchtsort für Zehntausende von Vertriebenen, die aus umkämpften Gebieten geflohen sind, aber zumindest vorläufig in ihrem Land bleiben wollen, anstatt im Ausland Zuflucht zu suchen.

Wir sind sehr berührt vom Engagement und der Professionalität des CSI-Partners Caritas-Spes. Beeindruckt hat uns auch die Ruhe und Ordnung, die trotz des grossen Zustroms von Vertriebenen und des drohenden Krieges in der Westukraine herrscht.

Was haben Sie von Vertriebenen, die Sie getroffen haben, erfahren?

Wir hörten von den Vertriebenen und den kirchlichen Mitarbeitern vor Ort Geschichten von Einzelpersonen und Familien, die sich gezwungen sahen, aus ihren Häusern zu fliehen. Einige sind wegen des Bombardements aus ihren Wohnvierteln geflohen.

Eine vertriebene Frau zeigte uns Fotos von zerbombten, noch immer schwelenden Wohnblocks in ihrer Strasse. Sie erzählte von der dramatischen und gefährlichen Flucht im Auto mit Kindern. Diese waren derart traumatisiert, dass sie während der langen, 14-stündigen Fahrt durchgehend schwiegen, bis sie endlich in Sicherheit waren.

Von unseren Partnern erfuhren wir auch vom Leid der Menschen, die sich noch immer in belagerten und besetzten Städten befinden, in denen es keine Lebensmittel, Medikamente und andere lebensnotwendige Güter mehr gibt. Bei den Vertriebenen handelt es sich um Männer, Frauen, Kinder und Erwachsene. Wo immer möglich, fliehen die Familien gemeinsam. Jüngere Männer müssen in der Regel ihr Land verteidigen.

Mit ihrem Freizeit-Programm können diese freiwilligen Helferinnen der lokalen Caritas den Kindern etwas Freude bereiten. csi
Mit ihrem Freizeit-Programm können diese freiwilligen Helferinnen der lokalen Caritas den Kindern etwas Freude bereiten. csi

Welche Erlebnisse oder Begegnungen haben Sie persönlich besonders berührt?

Es gab drei Begegnungen, die mich sehr beeindruckt haben.

Die erste war jene mit einer Mutter und ihrer Tochter, die von den Frauen einer Fokolar-Gemeinschaft aufgenommen wurden. Wir haben die Mutter nicht gesehen. Sie war so betrübt, dass sie kaum aus ihrem kleinen Zimmer herauskommen mochte. Das kleine Mädchen wanderte im Haus umher und suchte eine Beschäftigung oder jemanden, mit dem sie sprechen konnte. Sie hatte all ihre Freunde aus der Kindheit verloren und konnte nicht mehr allein auf die Strasse gehen, um zu spielen. Aber sie hatte ihr Lächeln und ihre Lebensfreude nicht verloren. Zum Glück fand sie Zuflucht in einer fürsorglichen christlichen Gemeinschaft, die sich liebevoll um sie kümmert.

Ebenso beeindruckt bin ich vom schnellen und mutigen Handeln unserer christlichen Partner. Sie legen eine Professionalität an den Tag, die Bewunderung und Respekt jedes CSI-Unterstützers verdient. Diese Partner sind ein wahres Spiegelbild von Christian Solidarity International in Aktion.

Durch die Reise in die Ukraine wurde mir schliesslich vor Augen geführt, wie sehr die Menschen in diesen Breitengraden in den letzten Jahrhunderten gelitten haben. Ich wurde daran erinnert, als ich zwei Karten an der Wand des Büros des Bischofs von Mukaschewo entdeckte. Die erste Karte stellte die religiöse Demographie der Region zu Beginn des Zweiten Weltkriegs dar. Die Zweite zeigte die gegenwärtige Realität: Die einst grosse jüdische Gemeinde wurde dezimiert. Andere gefährdete Minderheiten sind drastisch geschrumpft. Der Anblick war eine traurige Erinnerung an die Armeen, die durch das Gebiet der heutigen Ukraine zogen. Sie brachten Tod und Zerstörung, während die Mächte und Fürstentümer der Welt miteinander um Macht und Prestige wetteiferten. Diese düstere Geschichte wiederholt sich heute.

Interview: Reto Baliarda

So hilft CSI den Kriegsopfern

CSI stellt für die Opfer des Kriegs überlebenswichtige Hilfe wie Nahrung, Unterkunft oder Medikamente bereit: Eine weitere wichtige Dimension der geleisteten Nothilfe ist das Angebot der Gemeinschaft, welches ein Ausdruck der Liebe Gottes ist.

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Lydie Ruch
07. April 2022
So schön, super so ein grossen Einsatz und Hilfe. Grüsse aus der Schweiz.