Unter der Last von Krieg und Sanktionen die Hoffnung in Aleppo am Leben erhalten

Zwar haben in Syrien kriegerische Auseinandersetzungen merklich nachgelassen. Doch die einheimische Bevölkerung leidet enorm unter der katastrophalen Wirtschaftslage, bemerkt Dr. Nabil Antaki. Der CSI-Partner und Arzt aus Aleppo nimmt den Westen wegen der verhängten Sanktionen in die Verantwortung.

« Nous souffrons de l’embargo et des sanctions », Dr. Nabil Antaki, gastro-entérologue à Alep. (csi)

«Die Sanktionen sind für die Syrer tödlich.»

 

CSI: Wie ist die Lage in Aleppo heute?

Dr. Antaki: Militärisch gesehen ist es ruhig. Die Regierung hat 2016 die Kontrolle über ganz Aleppo zurückerlangt. Ein Waffenstillstandsabkommen beendete im März 2020 die Kämpfe mit den Rebellen, die im Umkreis von wenigen Kilometern die Stadt bedrohten.

Wirtschaftlich gesehen ist die Lage jedoch katastrophal. Mehr als 80 Prozent der Bevölkerung leben in Armut. Arbeitslosigkeit und Inflation sind in die Höhe geschnellt. Und diejenigen, die Arbeit haben, verdienen im Schnitt gerade mal umgerechnet CHF 30.– im Monat.

Es mangelt an lebenswichtigen Gütern wie Treibstoff. Seit Beginn des Krieges ist es in unseren Häusern jeden Winter kalt; ich habe mir schon mehrmals Erfrierungen zugezogen. Strom gibt es jeweils nur für drei Stunden pro Tag. Die Menschen müssen stundenlang Schlange stehen, um Brotrationen zu bekommen – alle zwei Tage ein Viertel Kilo pro Person. Bis vor kurzem mussten die Menschen 48 Stunden lang Schlange stehen, um die ihnen zugeteilten 20 Liter Treibstoff alle zwei Wochen zu bekommen. Heute teilt die Regierung per SMS mit, wann sie ihre Treibstoffration kaufen müssen. Doch 20 Liter alle 14 Tage reichen nicht aus.

Syrien war einst die Kornkammer des Nahen Ostens. Heute sind viele Frauen in Aleppo derart unterernährt, dass sie ihr Kleinkind nicht stillen können. Wir von den «Blauen Maristen» haben deshalb ein spezielles Programm ins Leben gerufen, um Babynahrung an arme Familien zu verteilen.

Inwieweit spielen die Sanktionen bei dieser Krise eine Rolle?

Die ungerechten Sanktionen, die uns von den USA, der EU und leider auch der Schweiz auferlegt wurden, sind für die Syrer tödlich. Man versucht uns weiszumachen, dass sie nur den inneren Kreis der syrischen Regierung treffen. Aber sie treffen alle. Die Sanktionen erschweren die Einfuhr von lebenswichtigen Gütern erheblich. In Aleppo beispielsweise gibt es heute so wenige Dialysegeräte, dass die Patienten oft nur zwei Stunden pro Tag behandelt werden können, statt der vier Stunden, die sie brauchen.

Drei meiner Freunde starben an COVID-19, weil es keine Beatmungsgeräte für sie gab. Das Schlimmste aber ist, dass die Sanktionen jede Art von Investition oder Wirtschaftswachstum im Land verhindern.

Woher rührt Ihr humanitäres Engagement?

1986 haben meine Frau und ich zusammen mit unseren Freunden vom Orden der Maristenbrüder eine Organisation mit dem Namen «Das Ohr Gottes» gegründet. In den 80er und 90er Jahren gab es nicht wenige Christen, die das Land aus wirtschaftlichen Gründen verliessen. Wir wollten die Christen mit unserer Hilfe ermutigen, in Syrien zu bleiben. Zudem erinnerten wir sie daran, dass Syrien, eine der Geburtsstätten des Christentums, ihre Heimat ist.

Am 23. Juli 2012 übernahmen die Rebellen die Kontrolle über Ost-Aleppo. 500‘000 Menschen flohen von dort in den westlichen Teil der Stadt. In dem Viertel, in dem wir arbeiteten, brachen Flüchtlinge die Türen einiger Schulen auf, um darin Schutz zu suchen. Draussen herrschten Temperaturen von vierzig Grad, und diese Menschen hatten weder Essen, Kleidung noch Wasser. Wir besuchten diese Schulen, um Hilfsgüter zu verteilen und Programme für Kinder durchzuführen. Unsere Freiwilligen trugen blaue T-Shirts, um sich auszuweisen. Und wenn die Kinder uns kommen sahen, riefen sie: «Die Blauen! Die Blauen!» So beschlossen wir, uns in «Die Blauen Maristen» umzubenennen.

Wie helfen «Die Blauen Maristen» den Menschen in Aleppo?

Unser Leitmotiv ist «Solidarität, nicht Wohltätigkeit». Wir helfen niemandem, ohne eine Beziehung auf Augenhöhe zu dieser Person aufzubauen, die ihre Menschenwürde respektiert.

Wir haben 14 Projekte in ­Aleppo. CSI-Spender unterstützen unser Mikrokreditprogramm, mit dem wir bisher 188 kleine Unternehmen finanziert haben. CSI unterstützt auch unser «Heartmade»-Programm, in dem Frauen aus alten Stoffen neue Kleidung herstellen. Darüber hinaus helfen wir u.a. den Menschen, ihre Miete und Arztrechnungen zu bezahlen. Wir verteilen auch Lebensmittel und kümmern uns um alte Menschen und kleine Kinder.

In einem Vertriebenenlager in der Nähe von Aleppo versorgen wir zudem Personen mit Kleidung, Lebensmitteln und medizinischer Hilfe. In diesem Lager leben Menschen, die durch die türkische Invasion in Afrin im Jahr 2018 aus ihren Häusern vertrieben wurden.

Wie sieht Ihr Arbeitsalltag aus?

Ich arbeite sieben Tage die Woche, von 8 Uhr morgens bis 23 Uhr abends. Von 8 Uhr bis 14 Uhr betreue ich Patienten in meiner Arztpraxis. Von 15 bis 23 Uhr bin ich als Leiter der Blauen Maristen aktiv.

Erzählen Sie uns mehr über Ihre Freiwilligen.

Unsere ersten Freiwilligen kamen nach Beginn der Schlacht um Aleppo im Juli 2012. Sie hörten von unserer Arbeit mit den Vertriebenen und wollten sich engagieren. Viele kamen gegen den Willen ihrer Eltern, die sich Sorgen um sie machten. Heute arbeiten 155 zumeist christliche Freiwillige mit uns zusammen. Es hat aber auch einige Muslime. Religion spielt dabei keine Rolle, solange die Freiwilligen unsere Werte teilen – den Menschen mit Liebe und Respekt zu helfen.

Waren Sie schon einmal in Versuchung, Syrien zu verlassen?

Auf jeden Fall. Meine Frau und ich haben in Syrien keine Familie mehr. Mein Bruder wurde von Terroristen des IS getötet, als sie den Bus angriffen, in dem er unterwegs war. Der Rest unserer Familie sowie die meisten unserer Freunde haben das Land verlassen. Es wäre sehr einfach für uns, zu folgen. Aber wir erachten es als unsere Aufgabe, in Syrien zu bleiben. Wenn die Menschen sehen, dass wir nicht wegziehen, gibt das ihnen Hoffnung.

 

Interview: Joel Veldkamp

Ihr Kommentar zum Artikel

Wir freuen uns, wenn Sie hierzu eine Rückmeldung oder Ergänzung haben. Themenfremde, beschimpfende oder respektlose Kommentare werden gelöscht.

Kommentar erfolgreich abgesendet.

Der Kommentar wurde erfolgreich abgesendet, sobald er von einem Administrator verifiziert wurde, wird er hier angezeigt.