Vertriebener CSI-Partner plant in Armenien ein neues Rehazentrum

CSI-Partner Vardan Tadevosyan war bis zur Vertreibung durch Aserbaidschan Gesundheitsminister von Berg-Karabach. Zudem leitete er das von CSI mitgetragene Rehazentrum in Stepanakert. Im Interview schildert der mutige Karabach-Armenier, wie er die Flucht nach Armenien erlebt hat. Ebenso offenbart er seine Pläne für die geflüchteten Bewohner des Rehazentrums, und den Bau eines neuen Zentrums in Armenien.

Rehab team

CSI: In welchem Moment erkannten Sie, dass es besser ist, sich den Angriffen Aserbaidschans zu ergeben, als in Berg-Karabach eine Massentötung zu riskieren?

Vardan Tadevosyan: Diese Entscheidung habe nicht ich allein getroffen. Wir mussten zu einem unerwarteten Zeitpunkt aus Arzach (einheimischer Name für Berg-Karabach) fliehen. Zuvor hatte ich nie daran gedacht, mich zu ergeben. Ich war mir immer sicher, dass wir in Arzach bleiben würden. Aber wenn man sieht, wie die Menschen auf einmal fliehen, besteht keine andere Wahl.

 

Hatten Sie Angst, dass Sie wie andere Karabach-Politiker entführt und in ein Gefängnis in Aserbaidschans Hauptstadt Baku gesteckt werden?

Natürlich bestand immer die Gefahr, dass ich als Gesundheitsminister von Arzach und als langjähriger Freund von Caroline Cox (Gründerin des Reha-Zentrums) verhaftet werden könnte. Zu Beginn der Flucht war ich sehr beunruhigt. Ich wusste, dass wir den Grenzbeamten in die Augen sehen mussten. Als wir an der Grenze ankamen, machte ich mir jedoch mehr Sorgen um meine Patienten und Mitarbeiter. Ich wollte auf jeden Fall, dass sie sicher nach Armenien gelangen und nicht meinetwegen in Schwierigkeiten geraten.

Wie haben Sie die letzten Tage in Berg-Karabach bis zu Ihrer Ankunft in Armenien erlebt?

Es waren sehr harte Tage, vor allem die letzten drei bis vier Tage, als ich nach dem eintägigen Krieg für die Verwundeten verantwortlich war. Es gab keinen Strom und keine Internetverbindung. Aber das Schrecklichste war die Explosion des Benzinlagers am 25. September 2023 mit Dutzenden Todesopfern und Verletzten. Wenigstens konnten wir die Schwerverletzten mit Hubschraubern und Autos nach Armenien transportieren. So hatte ich die Gewissheit, dass ich in Arzach keine Schwerverletzten zurücklassen würde.

Wo leben Sie derzeit?

In Armeniens Hauptstadt Eriwan. Ich habe dort zum ersten  Mal meinen Enkel gesehen. Er ist vor einem Monat zur Welt gekommen.

Was geschieht mit dem Reha-Zentrum in Stepanakert?

Das frage ich mich auch. Wir haben das Zentrum so hinterlassen, dass jeder Spezialist es betreten und nutzen kann. Ich war der letzte, der es verliess. Wir liessen die Türen offen, damit niemand sie aufbrechen würde. Das Zentrum hatte nach 25-jähriger Entwicklung einen sehr hohen Standard erreicht. Es bricht mir mein Herz, dass wir es verlassen mussten. Ich kann nur hoffen, dass all meine Arbeit, die ich hinterlassen habe, weiterhin Menschen mit Behinderungen zugutekommen wird.

Wie viele Patienten befanden sich am letzten Tag vor Aserbaidschans Angriff im Zentrum?

Es gab 22 stationäre und mehr als 30 ambulante Patienten sowie 50 Mitarbeiter im Zentrum. Als am 19. September um die Mittagszeit der Angriff begann, liessen alle ihr Essen stehen und versteckten sich in Panik im Keller.

Konnten Sie alle Aufenthaltsorte dieser Patienten in Armenien herausfinden?

Noch nicht. Die meisten konnten in Eriwan untergebracht werden. Zudem stehen wir mit all jenen Patienten in Kontakt, die auf besondere Hilfe angewiesen sind. Wir machen bereits Hausbesuche und versorgen unsere Patienten mit den lebensnotwendigen Medikamenten. Ferner werden wir Familienangehörige informieren, wie sie die Patienten pflegen sollen.

Junge Menschen, die in Arzach Verbrennungen erlitten, werden in einem geeigneten Zentrum in Eriwan von unseren Spezialisten behandelt. Über 60 Personen sind betroffen.

Können Sie für Ihre aufwändige Arbeit auf ein Team zurückgreifen?

Ja, dieses Team steht. Zugleich habe ich weitere Mitarbeitende aus Stepanakert ermutigt, in anderen Spitälern Arbeit zu suchen. Solange wir kein neues Reha-Zentrum haben, kann ich nicht alle beschäftigen.

Gibt es konkrete Pläne für ein neues Zentrum?

Ja, ich bin bereits dran, mit Architekten einen Vorschlag auszuarbeiten. Mir schwebt ein modernes Zentrum etwas ausserhalb von Eriwan vor, das wie jenes in Stepanakert moderne und hochwertige Therapien für Verletzte und Menschen mit Beeinträchtigungen bietet. Die Patienten sollen auch Beschäftigungstherapie erhalten und zum Beispiel Gartenarbeit verrichten können. Das neue Zentrum soll ebenso ein Integrationszentrum werden und auch für bedürftige Menschen aus der Republik Armenien da sein. Und natürlich hoffe ich, dass ich alle Mitarbeitende von Stepanakert wieder anstellen kann. Das ist der Wunsch von allen.

Besteht Hoffnung, eines Tages nach Berg-Karabach zurückzukehren?

Diese Hoffnung werden wir immer haben. Wie gesagt: Ich habe mein Herz dort zurückgelassen. Nachts lebe ich mit meinen Erinnerungen in Arzach.

Wir leiden alle psychisch unter den schrecklichen Ereignissen. Ich hoffe, dass ich mich in Armenien schnell erholen und möglichst bald mit dem Aufbau eines neuen Zentrums beginnen kann. Das würde uns neue Kraft geben.

Interview: Reto Baliarda

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Reto Stump
29. November 2023
Ich würde gern mehr zu diesem Rehazentrum erfahren. Eventuell besteht die Möglichkeit einer Mithilfe (Finanzierung).
CSI
30. November 2023
Vielen Dank für Ihr Nachfragen! Wir melden uns bei Ihnen. Einige Infos zum Rehazentrum, wie es in Berg-Karabach betrieben wurde, finden Sie auf unserem Webportal, z.B. hier: https://www.csi-schweiz.ch/news/von-allen-seiten-umzingelt-doch-die-christen-in-berg-karabach-erhalten-hilfe/
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