Berg-Karabach-Blockade: Wie lange reichen die Vorräte?

Der 5. Januar ist der 24. Tag der Blockade des Korridors zwischen Armenien und Berg-Karabach. 120’000 Karabach-Armenier sind seit dem 12. Dezember abgeschnitten von der Aussenwelt. Aserbaidschan zeigt sich unbeirrt und lässt weder Personen noch Waren passieren. Während die internationalen Proteste weitgehend ausbleiben, gehen in Berg-Karabach die Vorräte zur Neige.

Leere Regale

Folgen der Blockade: Die Regale in den Lebensmittelläden in Stepanakert sind fast leer. Foto:  Gabriel Gavin/Twitter; Ani Balayan

 

Seit mehr als drei Wochen sind 120’000 Karabach-Armenier von jeglicher Versorgung von ausserhalb abgeschnitten und eingekesselt von aserbaidschanischem Militär. Familien sind voneinander getrennt, schwere medizinische Fälle können nicht zur Behandlung nach Armenien überführt werden. Es gibt keinen Nachschub an Treibstoff, Medikamenten, Lebensmitteln und anderen Gütern. Aufgrund von Aserbaidschans Belagerungspolitik im Südkaukasus droht eine humanitäre Katastrophe. John Eibner, internationaler Präsident von Christian Solidarity International: „Die Schlinge zieht sich zu, während die Welt still und regungslos zusieht!“

Kälte, Hunger, Gewalt

Normalerweise gelangen über den sogenannten Latschin-Korridor täglich 400 Tonnen Lebensmittel, Medikamente und andere Güter nach Berg-Karabach. Sie bleiben seit 24 Tagen aus. Die Strasse wird von aserbaidschanischen Truppen – begleitet von Zivilisten, die sich als „Öko-Aktivisten“ ausgeben – verbarrikadiert. Einzige Ausnahme bildete bisher eine Lieferung von zehn Tonnen Hilfsgütern, die das Rote Kreuz aus Armenien bringen durfte. Als Puffer zwischen den aserbaidschanischen Blockierern und den Karabach-Armeniern stehen Soldaten der russischen Friedenstruppe.

Leere Regale, Schulen kurz vor der Schliessung

Viele Regale in den Lebensmittelgeschäften sind inzwischen leer. Brot, frisches Gemüse und Obst, Molkereiprodukte, Zucker und Salz sind nur noch schwer zu bekommen. Es ist alles rationiert. Die Lehrer befürchten, dass sie wegen des Mangels an Lebensmitteln den Unterricht bald ausfallen lassen müssen. 1100 Einwohner von Berg Karabach befanden sich in Armenien, als der Latschin-Korridor geschlossen wurde, darunter sind 270 Kinder. Sie sitzen in Armenien fest und können nicht nach Hause zurückkehren. Viele Kinder in Berg Karabach sind wiederum von ihren Eltern in Armenien getrennt und werden das Weihnachtsfest am 6. Januar nicht mit der Familie feiern können.

Bei einer Übernahme droht ein Völkermord

Die christlichen Armenier in der Enklave befürchten, dass es bei einer Übernahme von Berg-Karabach durch Aserbaidschan zu einer ethnischen Säuberung kommen wird. Das hat sie die Vergangenheit gelehrt. In neu eroberten Gebieten hatte Aserbaidschan die dort lebenden Armenier entführt, vertrieben oder getötet. Mindestens eine Person ist aufgrund der Blockade bereits gestorben. Ein 44-jähriger Mann, der dringend ärztliche Hilfe benötigt hätte, konnte nicht nach Armenien evakuiert werden. Um Medikamente zu sparen, werden in Berg-Karabach vorläufig keine Operationen mehr durchgeführt. Zurzeit befinden sich 12 Kinder und 12 Erwachsene auf einer Intensivstation. Krebspatienten, die eine Chemotherapie benötigten, müssen warten, bis sie wieder nach Armenien reisen können.

Frauen beten
Die Not wächst mit jedem Tag: Betende Frauen an einem Weihnachtsgottesdienst in Berg-Karabach. Foto: RubenVardanyan/Twitter

Was geschieht Ende Januar?

Am 3. Januar hat sich das Gesundheitsministerium bei allen Krankenhäusern nach dem Stand der Lebensmittelvorräte erkundigt. CSI unterstützt in Berg-Karabach das Lady-Cox-Rehabilitations-Zentrum in Stepanakert und ein kleines Projekt für Kinder. Doch die Hilfe ist derzeit eingefroren. Niemand kann Hilfsgüter in die Region bringen. CSI-Partner Vardan Tadevossian und Leiter der Reha sagt zur aktuellen Lage: «Ich denke, dass wir bis Ende Januar alle überleben können. Wie es danach weitergeht, weiss ich nicht.»

Die Situation im Reha-Zentrum ist deshalb noch einigermassen gut, weil schon früher eine Menge an Lebensmitteln eingelagert worden ist. Vardan Tadevossion meint, die Vorräte in der Reha sollten noch für „einige Wochen reichen“. Schwierig ist die Lagerung von frischem Gemüse. Ende Januar dürfte alles aufgebraucht sein.

Genozid-Warnung und Aufruf zum Gebet

Am 19. Dezember unterzeichnete CSI eine  Genozid-Warnung. Darin halten mehrere Menschenrechtsorganisationen fest, dass inzwischen sämtliche Voraussetzungen für einen Völkermord an den Armeniern von Berg-Karabach (Artsakh) gegeben seien. John Eibner, Präsident von Christian Solidarity International (CSI), kommentierte die Genozid-Warnung: «Die Blockade von Berg-Karabach signalisiert die Absicht der aserbaidschanischen Regierung, eine weitere Phase im Völkermord einzuleiten.» CSI ruft Christinnen und Christen in aller Welt zum Gebet für die Menschen in Berg-Karabach auf. Gleichzeitig wird an die Vereinigten Staaten, Grossbritannien, die Europäische Union und die Russische Föderation appelliert, Aserbaidschan zu zwingen, die Belagerung von Berg-Karabach zu beenden. Die christliche Menschenrechtsorganisation mahnt auch, sämtliche wirtschaftliche Verbindungen mit Aserbaidschan zu überprüfen. In der Schweiz wird insbesondere die Migros aufgefordert, den Franchising-Vertrag für Tankstellenshops mit dem aserbaidschanischen, staatlichen Energiekonzern SOCAR zu stoppen.

Rolf Höneisen

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Trudy Bürgi
06. January 2023
Sehr guter informativer Artikel! Dieser sollte in den Medien veröffentlicht werden! Die traurige Geschichte darf sich nicht wiederholen!
CSI
06. January 2023
Das Stillschweigen der Medien befremdet uns auch! Tatsache ist, dass zurzeit keine Journalisten nach Berg-Karabach reisen können. Aber trotzdem... die elektronischen Wege funktionieren. Recherchen sind möglich. Auf Social Media sind viele Fotos, Posts und Tweets über die Auswirkungen der Blockade zu finden...
CSI
06. January 2023
Radio Life Channel hat am 5. Januar in den News berichtet: https://erf-medien.ch/gesellschaft/weltweit/sorge-wegen-blockade-nach-bergkarabach/
Liselotte Vogel
14. January 2023
Danke für diesen konkreten Brief und Aufruf an die Migros!! Es sollte mehr davon auch an die Medien und dadurch an die Oeffentlichkeit gelangen! Danke für Ihren Einsatz und weiter so! Ich bete für ein Eingreifen Gottes und Gelingen für Ihre Bemühungen!
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