Brief aus Aleppo: Aufgeben ist keine Option

«Wir wollen raus aus dieser Region!» Diesen Satz bekommt der syrische Geistliche Bruder Georges Sabé nur allzu häufig zu hören. Einmal mehr fordert der Vertreter des CSI-Partners «Blaue Maristen» die Aufhebung der Wirtschaftssanktionen. Über 80 Prozent der Syrer lebten unter der Armutsgrenze. Sie alle hätten ein Recht auf Menschenwürde. Die Blauen Maristen setzen sich weiterhin für die Notlinderung der Menschen in Aleppo ein.

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Kürzlich verbrachten die Blauen Maristen einen Tag mit Gebet und Fasten für den Frieden im Nahen Osten. Mehrere Mitglieder drückten ihre Kriegsmüdigkeit aus: Khalas! «Khalas bedeutet, dass es nun reicht! Basta! Wir haben genug, wir wollen die Nachrichten nicht mehr anhören!» so Bruder Georges.

Die gegenwärtige Gemütslage verstärkt den Wunsch vieler Menschen, aus Syrien auszuwandern: «Wir wollen raus aus der ganzen Region!» hört Bruder Georges immer wieder. Vor allem junge Menschen hätten nur eines im Kopf: das Land zu verlassen und irgendwo hinzugehen. Je früher, desto besser.

Eine Krise folgt der nächsten

Die Menschen in Syrien haben den Bürgerkrieg, die Corona-Pandemie, die Wirtschaftssanktionen und das Erdbeben durchlebt. Und jetzt ist noch der Nahost-Krieg dazugekommen. Diese Negativ-Spirale drückt auch aufs Gemüt von Bruder Georges: «Wo bleibt unsere Hoffnung in einer zerschmetterten Gesellschaft. Eine Gesellschaft, die immer ärmer wird und ums Überleben kämpft. Eine Gesellschaft, die keine Kraft mehr hat, aufzustehen?»

82 Prozent unter der Armutsgrenze

Durch die wirtschaftliche Misere ist ein Grossteil der syrischen Bevölkerung in bittere Armut geschlittert. «82 Prozent leben unterhalb der Armutsgrenze!» Die Menschen leiden an Nahrungsmittelknappheit. Zudem müssen sie mit rund zwei Stunden Strom pro Tag auskommen. Die Sanktionen belasten den Alltag der Syrer. Sie werden gezwungen, mit der galoppierenden Inflation fertig zu werden. «Von Tag zu Tag wird alles teurer», klagt Bruder Georges. Allein das Schulmaterial und die Schulgebühren für ein einzelnes Kind machen mehr als die Hälfte des Jahresgehalts der Eltern aus.

Sehr oft scheint es Bruder Georges, als ob die Syrer auf einem anderen Planeten zuhause wären, auf dem «Planeten der Sanktionen!» Dies sei unmenschlich. «Wir weigern uns, wie ausgestossene Menschen behandelt zu werden. Wir wollen unsere Würde zurück. Wir wollen wieder in die internationale Gemeinschaft integriert werden.»

Weitreichende Hilfe für die Ärmsten

In dieser schwierigen Zeit ist Aufgeben für die Blauen Maristen keine Option. «Wir tun alles, um die am stärksten Benachteiligten zu unterstützen», versichert der Geistliche und weist auch auf die Hilfsprojekte hin, die von CSI mitgetragen werden.

Das Projekt «Gemeinsames Brot» versorgt täglich über 250 ältere Menschen mit einer warmen Mahlzeit. Die Zahl der Begünstigten über 80 nimmt stetig zu. Da Strom nur etwa zwei Stunden am Tag zur Verfügung steht, haben die Blauen Maristen Batterien und LED-Lichter installiert, damit die Betroffenen nach Sonnenuntergang nicht im Dunkeln stehen und das Fernsehen ihnen die Einsamkeit wenigstens ein bisschen nehmen kann.

Überlebende des Erdbebens vom Februar 2023 erhalten Möbel und Elektrogeräte und nach Bedarf auch Lebensmittel. Als eine Dame ihren Lebensmittelkorb überreicht bekam, brach sie in Tränen aus: Sie erklärte, dass sie seit mehreren Tagen keinen Tropfen Olivenöl mehr im Haus gehabt habe.

Zukunftshoffnung für junge Menschen

Weiterhin begleiten die Blauen Maristen mit Hilfe von CSI junge Erwachsene bei der Gründung ihres eigenen Unternehmens. Bei diesem Mikrokredit-Projekt «Job» erhalten die Teilnehmenden wie bei der Berufsausbildung Beratung und Unterstützung. Allerdings müssen sich die Interessenten einem rigorosen Auswahlverfahren unterziehen. Für einen Lehrgang mit 24 Studierenden melden sich regelmässig über 100 Kandidaten.

Das ebenso von CSI mitgetragene Projekt «Heartmade» wurde weiterentwickelt, u.a. mit einer erhöhten Anzahl Produkte, damit die Teilnehmenden sich möglichst selbst finanzieren können. Zwanzig Frauen haben so Arbeit gefunden und stellen aus Stoffresten einzigartige Damenbekleidung her.

Bruder Georges Sabé beendet seinen Brief aus Aleppo mit einem Dank an die Spender: «Sie sind unsere Hoffnung! Wir zählen auf Sie, damit wir gemeinsam die Welt verändern können, um sie gerechter, würdevoller und menschlicher zu machen.»

Bruder Georges Sabé (Blaue Maristen), Reto Baliarda

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